Gruppenausstellung „Vladimir & Estragon“
Andreas Mühe und Emmanuel Bornstein

18. Mai – 12. Juli 2020

Geschichte und Erinnerung sind hier omnipräsent. Schon am Zugang zur Ausstellung stößt man in einem Gemälde Emmanuel Bornsteins auf Adolf Eichmann, den Organisator des Holocausts. Gleich daneben betreibt Andreas Mühe eine Art Archäologie der eigenen Existenz. Aus der schwarzen Fläche einer großen Fotoarbeit scheint eine zerschlagene, hohläugige Tonmaske seines Gesichts auf, als sei sie nach Jahrhunderten in einem Ausgrabungsfeld gefunden worden. Und eine historische Fotografie der Belegschaft der Bronzegießerei Noack in den Jahren nach der Gründung 1897 verweist in dieser ersten Bildertrias auf den Ort, wo die Ausstellung „Vladimir & Estragon“ stattfindet.

Der Fotograf Andreas Mühe und der Maler Emmanuel Bornstein arbeiten im selben Atelierhaus im Berliner Norden und sind gute Freunde. Nun realisieren sie im Skulpturenforum Hermann Noack zum ersten Mal eine gemeinsame Ausstellung; das war ihnen schon seit Längerem eine „Herzensidee“, wie es Mühe ausdrückt. Dafür bringen sie jeweils Teile eines Werkkomplexes aus ihrem aktuellen Schaffen zusammen. Mühe führt das vielbeachtete, für viele auch verstörende Projekt „Mischpoche“ weiter, in dem er 2019 im Hamburger Bahnhof seine Familie in gewaltigen fotografischen Tableaus versammelte und dabei die Toten, etwa seinen Vater Ulrich Mühe, in den Bildern als lebensechte Silikonfiguren auftreten ließ. Erstmals zeigt er jetzt Porzellanskulpturen, die in diesem Zusammenhang entstanden. Bornstein stellt dem einen Ausschnitt aus seinem anspielungsreichen Porträtzyklus „Another Heavenly Day“ gegenüber, ergänzt durch drei große Gemälde aus der Serie „Vaterfigur“. Veranstaltet wird die Ausstellung von Avitall Gerstetter und Samuel Urbanik, die sich mit ihrem Salon Avitall und anderen Aktivitäten dafür engagieren, jüdische Kultur als authentischen, wichtigen Teil der Berliner Gesellschaft erlebbar zu machen.

Geschichte und ihre Traumata, Leben und Tod, Erinnerung und Vergessen, die deutsche Schauspieler- und Theatermacher-Dynastie von Andreas Mühe, der Franzose Emmanuel Bornstein, der ebenfalls aus einer Theaterfamilie stammt und in seinen Bildern immer wieder – mal offen, meist aber nur als ahnungsvolle Assoziation – die Shoah aufscheinen lässt, der zahlreiche seiner Vorfahren zum Opfer fielen; schließlich der Rekurs auf das „absurde“ Theater Samuel Becketts: Da kommt einiges an schwerem Stoff zusammen. Doch ist die Ausstellung alles andere als überladen, denn die beiden Künstler legen reduzierte Spuren aus, die vieles offen lassen, keine Botschaften verkünden, sondern Ansatzpunkte zu ganz heterogenen Reflexionen bieten. Genauso verhält es sich mit Vladimir und Estragon im Ausstellungstitel. Die beiden Landstreicher aus „Warten auf Godot“ mögen mancherlei Assoziationen geben, etwa zur Freundschaft der Künstler oder der Herkunft aus Theaterfamilien, die sie verbindet, aber zugleich lädt der Verweis auf die Hauptdarsteller in Becketts Stück, in dem sich nichts voran bewegt und sich die große Gleichgültigkeit der Menscheit offenbart, zu den unterschiedlichsten Deutungen ein.

Mühe arbeitet in der Ausstellung zum ersten Mal installativ. Bei der Vorbereitung des „Mischpoche“-Projekts schuf er Tonskulpturen von seinem Vater Ulrich Mühe und dessen zweiter und dritter Ehefrau Jenny Gröllmann und Susanne Lothar, alle Schauspieler und in den letzten 15 Jahren verstorben (Mühes Mutter ist die Regisseurin und Theaterintendantin Annegret Hahn). Zudem formte er zwei Großväter und eine Großmutter nach. Aus diesen Tonmodellen entstanden lebensgroße Silikonfiguren – hyperrealistisch bis in die Details –, mit denen die Toten sich in den Gruppenfotografien der väterlichen wie der mütterlichen Familie mit einer fast schon surrealen Selbstverständlichkeit unter die Lebenden mischen. Einige Teile der vorbereitenden Tonmodelle ließ Mühe bei Rosenthal in Selb abgießen und brennen. Jetzt steht die weiße Büste von Ulrich Mühe in neunfacher, immer identischer Ausfertigung auf Sockeln im Raum. Wie Fotografien sind die Porzellanskulpturen potenziell in unendlicher Serie herstellbar, auch das wird hier zum Thema: das Kunstwerk im Zeichen seiner Reproduzierbarkeit. An den Entstehungsprozess erinnert ein großes Foto vom grauen Tonmodell des Schauspielers, das nicht mehr existiert. An anderer Stelle lagern, säuberlich aufgereiht, drei Dutzend Unterarme aus dem familiären Körperreservoir auf einem Tisch.

Es ist nicht einfach zu verstehen, was hier eigentlich geschieht. Gewiss ist es ein persönliches Memento mori, die Erinnerung Mühes an Menschen, die er verloren hat. Doch privates Pathos lässt der Künstler nicht aufkommen, stattdessen reflektiert er mit den Mitteln der Kunst. Er arrangiert ein konzptuelles Setting, baut eine Bild-im-Bild-Situation auf, die sehr künstlich, ja kühl ist und zugleich in ihrer auratischen Stimmung viel mit Mühes charakteristischer Annäherung an „deutsche“ Themen zu tun hat. Alle Fotografien Mühes sind inszeniert, das hat durchaus auch etwas mit dem Theaterhintergrund seiner Familie zu tun. Und wenn er sich jetzt einem ganz persönlichen Kontext widmet, dreht er diese Inszenierung noch einen Schritt weiter und verschärft die Frage, was Fotografie überhaupt transportieren kann. Sich selbst nimmt er dabei nicht aus. Während der die Toten seiner Familie in eine artifizielle Existenz „zurückholt“, zeigt er auf einen ganzen Serie von Fotos den Zerfall der Tonmaske des eigenen Gesichts. Im Grunde ein klassisches Vergänglichkeitsmotiv, das in dieser Inszenierung ebenso cool wie gespenstisch wirkt.

Bornstein arbeitet seit 2014 an der Porträtserie „Another Heavenly Day“. Rund 70 Bilder im stets gleichen Format (30 x 30 cm) sind mittlerweile entstanden, und es wird weitergehen damit. Bei Noack sind 30 Werke zu sehen, 16 davon hat der Maler eigens für die Ausstellung realisiert. Auch bei ihm spielt die Familie eine gewichtige Rolle: sehr direkt, wenn er den Vater oder den Großvater darstellt; meist aber eher indirekt, wenn der Holocaust und die Naziherrschaft anklingen. Explizit ist das aber nie gezeigt. Wie bei Mühe (wenn auch in einer ganz anderen Bildsprache) tauchen bestimmte Menschentypen auf, entstehen Stimmungen, bleibt alles mehrdeutig. Bornstein arbeitet nach Fotografien und benennt nie, wen er malt. Darauf kommt es nicht an, nichts soll gewiss sein, es sind Ausgangspunkte für Geschichten und Gefühle, die sich bei den Betrachtern entwickeln. Auf Nachfrage nennt Bornstein dann doch einige Figuren, die in der Ausstellung auftauchen: Bertolt Brecht, die NS-Verbrecher Adolf Eichmann, Klaus Barbie und einige berüchtigte KZ-Wärterinnen, der Football-Spieler und Mörder Aaron Hernandez, der Performancekünstler Ulay, Pussy Riot, aber eben auch Menschen aus dem privaten Umfeld. „Alle spielen in irgendeiner Weise eine Vorbildrolle, im Guten oder im Schlechten“, erklärt Bornstein. „Letzlich geht es doch immer um das Wesen des Menschen, darum, was Menschen anderen Menschen antun.“

Bornstein Gesichter sind äußerst eindringlich, und dies nicht, weil er sie lebensecht zeigt, sondern weil er sie sich mit heftigen Pinselstrichen, aufgerissenen Farbflächen, rohen Überblendungen und anderen malerischen Kunstgriffen aneignet. Er dringt regelrecht in sie ein, zuweilen hat es den Anschein, als kämpft er mit ihnen, um ihr Wesen zu ergründen, um zu einem Kern zu gelangen, den noch keiner erkannt hat. „Die Leinwand ist für mich wie eine menschliche Haut“, sagt Bornstein. Wenn er Menschen malt, geht es um die Existenz, um das Leben. Sein Malstil bewegt sich jenseits aller Moden, irgendwo zwischen Abstraktion und Figuration. Manche Bilder sehen aus wie Collagen, andere scheinen sie wie in Salzsäure aufzulösen. Erinnerungen sind wichtig, persönliche wie historische. Er setzt sich voller Emotionen mit ihnen auseinander, und die expressive, zuweilen ekstatische malerische Sprache ist sein Medium, die Gefühle auszudrücken. Das gilt auch für die drei großen Gemälde aus der Serie „Vaterfigur“. Ein Mann auf dem Fahrrad ist tatsächlich sein Vater, auf einer anderen Leinwand erscheint Beckett mit Brille und fragendem Blick. Was wissen wir eigentlich? Können wir dem trauen, was wir sehen? Mit ihren Ansätzen, Spuren zu Antworten zu legen, sind Andreas Mühe und Emmanuel Bornstein gar nicht so verschieden, wie es zunächst scheinen mag.